Eine Lehrerin sitzt vor einer Bundesrepublik-Karte in einem Klassenzimmer und schaut einen Schüler an.

DaZ! Oder: Sprache ist der Schlüssel

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Krisztina Juhász unterrichtet Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und ist Betreuungslehrerin an der 94. Oberschule GrünauNach 12 Jahren als DaZ-Expertin vor Ort weiß die Lehrerin in Sachsen genau, dass für Schülerinnen und Schüler, die ohne Sprach- und teils ohne Schriftkenntnisse ihren Bildungsweg in Sachsen beginnen, persönliche Beziehungen eine ebenso große Rolle spielen wie der Spracherwerb selbstWas besonders gut hilft beim Start: Schach!

Was macht das Deutsch-als-Zweitsprache-Konzept (DaZ) in Sachsen für Sie besonders? 

 

Krisztina Juhász: Ich erlebe Sachsen als ein Bundesland mit einem sehr durchdachten DaZ-Konzept: Die Sprachförderung ist strukturiert, durchgängig und fest im Schulalltag verankert. So kann ich als Lehrerin direkt etwas bewirken: Viele meiner Schülerinnen und Schüler kommen neu nach Sachsen, bringen unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Bildungserfahrungen mit. Sprache ist für sie der Schlüssel – aber nicht der einzige. 

 

Eine Lehrerin steht links vor einer Deutschlandkarte, auf der die einzelnen Bundesländer mit ihren Hauptstädten auf Stickern beklebt sind. Rechts schaut eine Schülerin ebenfalls auf die Karte.

Deutsch als Zweitsprache ist viel mehr als „trockenes“ Sprache-Lernen. An der Deutschlandkarte hilft Krisztina Juhász ihren Schülerinnen, Bundesländer und deren Hauptstädte richtig zuzuordnen. Foto: Cedric Seidewitz / PIO / SMK 

Worum geht es Ihnen im DaZ-Unterricht vor allem? 

 

Juhász: Es geht nicht nur um Grammatik oder Wortschatz. Es geht vor allem darum, Sicherheit zu geben, Orientierung im sächsischen Schulsystem zu vermitteln und Vertrauen aufzubauen. Denn wenn Sprache fehlt, braucht es zuerst Beziehung. 

 

Sie sind auch Betreuungslehrerin – was bedeutet diese Rolle für Sie? 

 

Juhász: Als Betreuungslehrerin bin ich für Schülerinnen und Schüler oft die erste feste Bezugsperson in der Schule. Diese Rolle ist besonders an der Oberschule wichtig, wo Übergänge in Ausbildung und Beruf eine große Rolle spielen. 

 

Ein besonderes Element Ihrer Arbeit ist Schach. Wie kam es dazu und was bewirkt es? 

 

Juhász: Schach eignet sich besonders gut, um spielerisch eine Sprache zu lernen, gerade, weil es erst einmal auch ohne Sprache gut funktioniert. Weil das Spiel weltweit bekannt ist, beherrschen fast alle zugewanderten Schülerinnen und Schüler, die zu uns kommen, die Regeln zumindest rudimentär. Der Rest lässt sich leicht beibringen. Die Figuren sind eindeutig zu unterscheiden, das Spielfeld ist klar strukturiert. Als Lehrkraft muss ich Spielzüge anfangs einfach vormachen. Die Schüler müssen nur zusehen, aufpassen und nachmachen. Nach wenigen Minuten können die meisten dann schon alleine spielen, ohne ein einziges Wort sprechen zu müssen. Die Sprache lernen sie dann wie nebenbei.  

 

Ein Junge zieht eine Schachfigur auf dem Schachbrett. Links sind die schwarzen, rechts die weißen Figuren zu sehen, er zieht einen schwarzen Bauern.

Eröffnung: Schach ist der perfekte Einstieg in eine neue Klasse, eine neue Sprache und neue Lebens- und Lernumgebung. Die DaZ-Schülerinnen und Schülern haben oft schon nach wenigen Minuten ein Erfolgserlebnis. Foto: Cedric Seidewitz / PIO / SMK

Juhász: Schach ist Lernen ohne Sprache – und trotzdem ganz viel Lernen. Das Besondere ist, dass meine Schülerinnen und Schüler jede Woche zwei Stunden Schach von unserer Schachtrainerin Christina Röhniß lernen. 

Dabei sind alle gleich, Sprache spielt keine Rolle. Das Spiel fördert logisches Denken, Konzentration und Ausdauer, Regelverständnis und Selbstvertrauen. Das alles ist auch für andere Schulfächer wichtig.
 

 

Und: Schach schafft gemeinsame Erfolgserlebnisse, auch für Lernende, die sprachlich noch am Anfang stehen. Das Spiel und das Erlernen zeigen meinen Schülerinnen und Schülern: Ich kann etwas, selbst ohne perfekte Deutschkenntnisse. 

 

Eine Frau mit lackierten Fingernägeln hält ein Schach-Übungsheft mit der Aufschrift "Brackeler Schachlehrgang" 1. Teil Bauernlehrgang in den Händen.

Schritt eins auf dem Weg zur geübten Schachspielerin: Das „Bauerndiplom“ ist das erste „Diplom“, das die Schülerinnen und Schülern in der DaZ-Klasse in dem insgesamt sechsstufigen Brackeler Schachlehrgang erhalten. Foto: Cedric Seidewitz / PIO / SMK

Sie kommen aus Ungarn. Wie hat Ihnen Ihre eigene Erfahrung in einem anderen Land und in einer anderen Sprache für Ihren Beruf geholfen?  

 

Ich habe Deutsch, Russisch und Sport studiert und in Ungarn schon 20 Jahre unterrichtet. Als ich später nach Grünau an die Oberschule wechselte, durfte ich aus mehreren Schulen wählen. Inzwischen unterrichte ich dort seit 12 Jahren ausschließlich DaZ. Ich habe mich bewusst für Grünau und für die Oberschule entschieden. Es ist eine Oberschule mit Herausforderungen, ich weiß das. Aber ich bin dort zu Hause und weiß, was ich bewirken kann. Ich habe mich in dieser Schule und in dieser Rolle richtig gefunden. Für meine Arbeit helfen mir natürlich auch meine eigenen familiären Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit in Deutschland. 

 

Es ist ein Arbeitsblatt auf einem Kachel-Untergrund zu sehen. Es geht um Fragen zu einer großen Reise, die in Eile geschehen musste.

Einen strukturierten Abschiedsbrief mit Anregungen für die Nachfolgerinnen und Nachfolger schreiben: Zum Ende ihrer Zeit in der DaZ-Klasse hin schreiben die Schülerinnen und Schüler einen Brief, in dem sie ihre Erfahrungen vom Verlassen der Heimat bis zum Einleben in Deutschland teilen. Foto: Krisztina Juhász

Welche Rolle spielt die Oberschule für die Integration in Sachsen? 

DaZ an der Oberschule in Sachsen heißt: Perspektiven eröffnen. In Sachsen ist die Oberschule ein zentraler Ort für Integration. Dort entscheiden sich Bildungswege, Abschlüsse und berufliche Perspektiven. Als DaZ-Lehrerin unterstütze ich meine Schülerinnen und Schüler dabei, sprachlich handlungsfähig zu werden – im Unterricht, im Praktikum und im Alltag. DaZ ist bei uns kein Zusatz, sondern Grundlage für alles Weitere. 

 

In einem Kreis aufgefächert liegen viele von Hand beschriebene Blätter, auf denen DaZ-Schülerinnen und Schüler einen Abschiedsbrief nach dem Ende ihrer DaZ-Zeit in der Klasse schreiben.

Im Laufe der Jahre kamen viele, viele Abschiedsbriefe der Schülerinnen und Schüler zusammen, in denen die DaZ-Schülerinnen und Schüler teils sehr persönlich über ihre Erfahrungen berichteten. Foto: Krisztina Juhász 

Warum würden Sie diesen Beruf anderen empfehlen? 

 

Ich empfehle die Arbeit als DaZ-Lehrerin an einer Oberschule, weil sie sinnstiftend, gesellschaftlich relevant und pädagogisch anspruchsvoll ist. Sie lässt auch viel Raum für eigene Ideen – wie beispielsweise für Schach als nonverbales Lernformat. 

 

Ich begleite junge Menschen beim Ankommen – sprachlich, schulisch und menschlich. Ich kann nur zu dieser Arbeit raten, weil sie mehr ist als Unterricht. Sie verbindet Pädagogik, Verantwortung und Menschlichkeit. DaZ-Lehrerin an einer Oberschule in Sachsen zu sein heißt für mich: Kindern und Jugendlichen echte Chancen geben – mal mit Sprache, mal mit Logik und immer mit Beziehung. 

 

Sie sind auch Fachberaterin für Deutsch als Zweitsprache. Was bedeutet das für Ihre Arbeit? 

 

In dieser Rolle berate ich gemeinsam mit drei weiteren Fachberaterinnen Kolleginnen und Kollegen an Oberschulen in der Stadt Leipzig, im Landkreis Leipzig sowie im Landkreis Nordsachsen rund um das Thema DaZ. Grundlage dafür ist das sächsische Konzept zur Integration von Migranten im Bereich Deutsch als Zweitsprache. 

 

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