Der Lehrberuf ist vielfältig und unterscheidet sich von Schulform zu Schulform. Besonders spannend: das Lehramt an Förderschulen mit sonderpädagogischen Schwerpunkten. Wir haben Lilly Illert und David Leistner von der Albert-Schweitzer-Schule Aue gefragt, wie sie ihren Weg in dieses interessante Lehramt gefunden haben und wie ihre täglichen Herausforderungen und Erfolge aussehen.
Hallo Lilly, hallo David! Ihr seid beide Lehrkräfte für Sonderpädagogik an der Albert-Schweitzer-Schule Aue. Was hat euch motiviert, euch für diesen Beruf zu entscheiden?
Lilly Illert: Ich hatte schon lange das Gefühl, dass ich mit Menschen arbeiten und ihnen etwas beibringen möchte. Da lag die Idee, Lehrerin zu werden, immer nahe. Die ersten Erfahrungen, die ich in diese Richtung gesammelt habe, haben meine Intuition dann bestätigt. Damit war mir irgendwann klar: Ich möchte das.
David Leistner: Ich habe mich beruflich zuerst ein wenig ausprobiert. Nach einem Praktikum in einem klassischen Bürojob habe ich über mich gelernt: Ich möchte nicht acht Stunden am Tag vor einem Computer sitzen. Außerdem hatte ich Vorbilder und Ermutigung aus meinem Umfeld: Meine Mutter ist Lehrerin, und einer meiner Lehrer am Gymnasium hat mir nahegelegt, selbst Lehrkraft zu werden.
Was hat euch an der Spezialisierung auf Sonderpädagogik gereizt?
David: Als ich mich mit den möglichen Schwerpunkten beschäftigt habe, habe ich erkannt, dass das Lehramt an einer Förderschule sehr abwechslungsreich ist. An einer Regelschule würde ich mich auf meine zwei Schwerpunktfächer konzentrieren. An der Förderschule bekomme ich die Gelegenheit, die unterschiedlichsten Fächer zu unterrichten. Das finde ich spannend.
Lilly: Mich reizt der Fokus auf Pädagogik. An der Förderschule geht es immer stark um den einzelnen Schüler oder die Schülerin. Was braucht er oder sie, um Zugang zu einem Thema zu finden? Welche Lehrmethode funktioniert jeweils am besten? Deshalb arbeite ich auch im mobilen sonderpädagogischen Dienst unserer Schule. Ich besuche andere Schulen und prüfe, ob die Kinder dort sonderpädagogische Förderung brauchen und zum Beispiel für einen Platz hier in Aue in Frage kommen.
Was hat euch motiviert, euch als Lehrkraft in Sachsen zu bewerben?
Lilly: Sachsen ist sehr schön! Das gilt für die großen Metropolen wie Leipzig und Dresden genauso wie für den ländlichen und kleinstädtischen Raum wie in Aue. Gerade, wenn man nicht unbedingt ein Großstadtmensch ist, wenn man eine Familie gründen oder ein Haus bauen möchte, sind die Bedingungen hier ideal. Und meistens ist die nächste Großstadt trotzdem nicht weit weg.
David: Stimmt, das mit dem Familie-Gründen kann ich als verheirateter Mann bestätigen. Hinzu kommt: Sowohl Lilly als auch ich stammen beide aus dem Erzgebirge. Für das Studium sind wir zwischendurch nach Leipzig gezogen. Uns war aber beiden unabhängig voneinander klar, dass wir danach zurück in die Region möchten. Ein bisschen Lokalpatriotismus war also auch dabei.
Nur wenige Tage vor dem Tod Albert Schweitzers erreichte die Förderschule in Aue-Bad Schlema ein Brief des Friedensnobelpreisträgers, dass sie seinen Namen tragen darf. Womöglich war dieser Brief eines der letzten Schriftstücke Albert Schweitzers. Foto: Max Schöne
Was sind aus eurer Sicht die größten Vorteile am Lehramt für Sonderpädagogik an einer Förderschule?
David: Dass es eine so sinnstiftende Arbeit ist. Die Kinder bei uns tun sich vor allem mit dem Lernen an sich schwer. Das macht das Unterrichten anstrengender. Dafür erlebt man Erfolge, wenn sie zum Beispiel einen bestimmten Inhalt begreifen, umso intensiver. Das ist sehr befriedigend. Ab und zu kommen ehemalige Schülerinnen und Schüler zu Besuch und erzählen, was sie seit dem Abschluss erreicht haben, dass sie etwa eine Ausbildung abgeschlossen haben. Da merkt man, dass man einem Leben tatsächlich eine positive Wendung geben kann.
Lilly: Das geht mir genauso. Trotz aller Anstrengungen bekommt man von den Kindern unglaublich viel zurück. Man schafft ihnen in der Förderschule ein Stück weit ein sicheres Umfeld, das einige zu Hause nicht unbedingt haben. Dazu tragen auch die reduzierten Klassengrößen bei. An der Förderschule darf eine Klasse nicht mehr als 18 Schülerinnen und Schüler umfassen. So hat man mehr Zeit für jedes einzelne Kind.
Und was sind die größten Herausforderungen?
Lilly: Der Fokus auf das Pädagogische ist anspruchsvoll. Es reicht nicht, sich eine bestimmte Lehrmethode zurecht zu legen und sich auf ihr auszuruhen. Unterschiedliche Kinder kommen mit individuellen Lernschwierigkeiten zu uns. Da muss man denselben Inhalt womöglich auf drei, vier unterschiedliche Arten aufbereiten, damit jedes Kind einen Zugang dazu findet. Man muss viel Geduld und Kreativität mitbringen oder sich aneignen.
David: Und natürlich fordert die Arbeit einen emotional. Viele Kinder bringen ihre Lasten von außerhalb der Förderschule mit, zum Beispiel familiäre Schwierigkeiten oder Mobbingerfahrungen aus ihrer alten Schule. All das muss man in der täglichen Arbeit berücksichtigen und navigieren.
Der Leitspruch „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen“ von Albert Schweitzer prägt die tägliche Arbeit mit Schülerinnen und Schülern an der nach ihm benannten Schule. Foto: Max Schöne
Welche Eigenschaften braucht man, um als Lehrkraft für Sonderpädagogik arbeiten zu können?
David: Ich glaube, man braucht ein großes Herz und zugleich ein dickes Fell. Man muss sich mit Leidenschaft für die Schülerinnen und Schüler engagieren, sonst geht es nicht. Aber man darf auch nicht jedes Thema mit nach Hause nehmen, gerade wenn es um Konflikte geht.
Lilly: Ich würde sagen: Man sollte kommunikativ sein. Die meisten Herausforderungen lassen sich lösen, indem man offen und transparent ist und sie direkt anspricht. Und man darf als Lehrkraft ruhig auch konsequent sein und klare Ansagen machen. Das geht sogar ohne laut zu werden. Das ist erstmal gewöhnungsbedürftig, aber tatsächlich lernt man das in der Praxis sehr schnell.
Lilly Illert und David Leistner erzählten, was sie motiverte, nach dem Studium ins Erzgebige zurückzukehren. Mehr dazu im TikTok-Kanal @lehrerinsachsen. Foto: Max Schöne
Habt ihr hierfür konkrete Tipps?
Lilly: Also ich benutze, wenn es mir in der Klasse zu laut wird, ganz gerne eine Klangschale. Die macht einen schönen, lauten, tiefen Ton, der sofort alle zur Ruhe bringt, ohne dass ich dafür einen Konflikt aufmachen muss.
David: Ich würde gerne schön laut durch zwei Finger pfeifen können. Kann ich bis heute nicht, aber ich habe einen Schüler, der es kann. Er sieht inzwischen an meinem Blick, wenn es mal wieder Zeit wird, so für Ruhe zu sorgen. Das gefällt mir, weil es auch einen gewissen Humor mit reinbringt.