Du möchtest Lehrerin oder Lehrer werden, hast aber „nur“ einen Realschulabschluss? In Sachsen ist das kein Problem. Der Kompakte Hochschulzugang MINT (KomZuMINT!) öffnet dir die Tür ins Lehramt in einem prestigeträchtigen Fach wie Mathematik, Informatik, Physik, Chemie oder Technik. Klingt spannend? Ist es auch! Wir haben Dr. Frank Wehrmeister, Schulleiter am Beruflichen Schulzentrum „Julius Weisbach“ Freiberg die wichtigsten Fragen rund um das Programm gestellt. Übrigens: Bewerbungen für das Schuljahr 2026/2027 sind bis Ende April möglich.
Herr Dr. Wehrmeister, was ist „KomZuMINT!“?
Dr. Frank Wehrmeister: „KomZuMINT!“ steht für den Kompakten Hochschulzugang MINT. Lehrerinnen und Lehrer in MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Physik, Chemie und Technik werden überall in Deutschland händeringend gesucht, auch bei uns in Sachsen.
Das Programm soll es speziell Schülerinnen und Schülern mit einem Realschulabschluss erleichtern, Lehrerin oder Lehrer in einem solchen Fach zu werden. Aber nicht nur. Generell eröffnet dieser Bildungsgang den Weg in ein technisches Studium an einer Hochschule oder Universität.
Warum sind MINT-Lehrkräfte für Deutschland und Sachsen so wichtig?
Wehrmeister: MINT-Lehrkräfte sind für eine Industrie- und Wissenschaftsnation wie Deutschland essenziell. Sie begeistern Schülerinnen und Schüler für Themen, die für Wirtschaft und Forschung in unserem Land besonders relevant sind. So formen sie auf ganz besondere Weise die kommenden Generationen in unserem Land. MINT-Lehrkräfte tragen aktiv dazu bei, dass Deutschland zukünftig weiter erstklassige Forscher, Ingenieure und Techniker hervorbringt.
Dr. Frank Wehrmeister, Schulleiter am Beruflichen Schulzentrum „Julius Weisbach“
Warum richtet sich „KomZuMINT!“ speziell an Schülerinnen und Schüler mit Realschulabschluss?
Wehrmeister: Unter den Oberschülerinnen und -schülern sind immer talentierte, findige Menschen, oft mit ausgeprägten praktischen Fähigkeiten. Das macht sie zu idealen Kandidaten für die Rolle als MINT-Lehrkraft. Mathematik, Physik, Chemie, Informatik und Technik sind nicht bloß abstrakte Theorie-Fächer. Es geht bei ihnen genauso um handfeste Tätigkeiten, Genauigkeit und ums Anpacken.
All das bringen Menschen mit Realschulabschluss mit. Und: Sie können es auch anderen vermitteln. Leider werden sie selten ermutigt, ein Lehramtsstudium anzustreben.
Mit „KomZuMINT“ füllen wir diese Lücke und schaffen ihnen einen effektiven Weg in den Lehrberuf oder in die Welt der Ingenieure und Techniker.
Wie funktioniert das Programm konkret?
Wehrmeister: Das Programm hat zwei Bausteine. Im ersten erhalten Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei uns am Beruflichen Schulzentrum „Julius Weisbach“ Freiberg (BSZ) intensiven Fachunterricht und sammeln praktische Erfahrungen. Diese gewinnen sie in beiden Ausbildungsjahren vor allem in mehreren Praktikumswochen an der TU Bergakademie Freiberg (TUBAF).
Im zweiten Baustein können sie in einen speziellen Bachelorstudiengang an der TUBAF in zwei MINT-Fächern antreten. Das ermöglicht ihnen in diesen Fächern einen Seiteneinstieg ins Lehramt für Oberschulen in Sachsen. Die wissenschaftliche Ausbildung für beide Unterrichtsfächer haben sie mit diesem Bachelorstudium dann bereits abgeschlossen.
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Das klingt nach einem sehr zeitaufwändigen Programm.
Wehrmeister: Das ist relativ, zuerst ist es gut investierte Zeit und praktisch eine Überholspur in den Lehrberuf. Die Alternative ist der Standardweg ins Lehramt für Realschülerinnen und -schüler: Drei Jahre für die allgemeine Hochschulreife am Beruflichen Gymnasium, danach viereinhalb Jahre Lehramtsstudium für die Oberschule, sowie zuletzt anderthalb Jahre Referendariat. Das sind insgesamt neun Jahre. Mit „KomZuMINT“ erlangen Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach nur zwei Jahren die fachgebundene Hochschulreife, sowie nach weiteren drei Jahren ihren Bachelorabschluss an der TUBAF. Einen Master und das Referendariat können sie berufsbegleitend absolvieren. So sparen sie im Schnitt zweieinhalb Jahre.
Was, wenn Teilnehmerinnen oder Teilnehmer während des Programms merken, dass sie doch nicht als Lehrkraft arbeiten möchten?
Wehrmeister: Das ist gar kein Problem. Um es klarzustellen: Keine und keiner der sich auf diesen Bildungsweg begibt, muss Lehrkraft werden. Der Bildungsgang ist offen für alle, selbst wenn von Anfang bereits feststeht, dass der Lehrberuf keine Option ist. Mit dem Programm nehmen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine persönliche Chance war. Sie gehen keine Verpflichtung ein. Es lohnt sich für sie, selbst, wenn sie sich gegen den Lehrberuf entscheiden. Mit dem Abschluss können sie auch Diplom-, Magister-, Bachelor- oder Masterstudiengänge in unterschiedlichsten anderen technischen Fächern antreten, von Ingenieurwissenschaften über Architektur und Geowissenschaften bis hin zu Statistik, und zwar an jeder Hochschule oder Universität in Deutschland. Er ist also ganz allgemein die Gelegenheit auf ein neues, spannendes Berufsleben.
Wie funktioniert die Bewerbung für „KomZuMINT!“, und wer kann sich bewerben?
Wehrmeister: Auf unserer Website finden Interessierte sowohl weitere Informationen zum Programm (PDF) als auch das passende Anmeldeformular (PDF), das sie bei uns einreichen können.
Um sich zu bewerben, benötigt man ausschließlich einen Realschulabschluss oder einen gleichwertigen mittleren Schulabschluss. Davon abgesehen richtet sich das Angebot an alle Absolventen der allgemeinbildenden Schulen und auch an junge Berufstätige – ohne Altersbegrenzung. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung und eigener Praxiserfahrung bereichern nach unseren Erfahrungen jede Lerngruppe.
Wann ist die nächste Gelegenheit, um sich zu bewerben und das Programm anzutreten?
Wehrmeister: Der Unterricht in der Klassenstufe 11 für den nächsten Jahrgang im Schuljahr 2026/27 beginnt am 17. August 2026. Interessierte sollen bitten bis Ende April 2026 ihre Bewerbung einreichen.
Beide Institutionen von KomZuMINT – Das BSZ und die TUBAF – befinden sich in Freiberg. Wie können Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus anderen Städten teilnehmen?
Wehrmeister: Eine Teilnahme an KomZuMINT versetzt den Lebensmittelpunkt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Freiberg. Kommen sie von außerhalb, haben sie die Möglichkeit, einen Platz in der benachbarten Wohnunterkunft oder einer der anderen Wohnmöglichkeiten zu bekommen, die wir auf unserer Website empfehlen.
Klassenzimmer des BSZ „Julius Weisbach“ in Freiberg
Welche Herausforderungen erwarten Teilnehmerinnen und Teilnehmer?
Wehrmeister: Das Programm ist eine Chance, aber auch anspruchsvoll. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen etwas leisten. Dafür müssen sie sich selbst motivieren können, gerade, wenn es zwischendurch einmal schwierig wird oder nicht so läuft wie geplant.
Handfeste Herausforderungen sind außerdem der intensive Fachunterricht und Praktika. Zudem müssen sie in Klasse 11 in den Profilfächern eine Durchschnittsnote von 2,5 schaffen, um in Klasse 12 versetzt zu werden. All das ist machbar, braucht aber Engagement. Die Unterstützung unserer Lehrkräfte ist ihnen sicher.
Welche Eigenschaften sollten Bewerberinnen und Bewerber mitbringen?
Wehrmeister: Am besten ist es natürlich, wenn sie schon von sich aus ein großes Interesse an Fächern aus dem MINT-Bereich mitbringen. Diese sollten sie durch gute Noten nachweisen können – vor allem in Mathematik, Physik und Chemie. Das Wichtigste ist aber, wie schon gesagt, die richtige Motivation. Sie sollten zielstrebig sein und Freude daran haben, sich selbst herauszufordern und etwas Neues zu lernen.
Was raten Sie Menschen mit Realschulabschluss, die über eine Teilnahme an „KomZuMINT!“ nachdenken, aber sich vielleicht noch unsicher sind?
Wehrmeister: Trauen Sie sich! Sie können durch das Programm für ihre persönliche Karriere nur gewinnen. Im besten Fall helfen Sie als Lehrkraft zukünftig selbst jeden Tag mit, den Lebenswegen ihrer Schülerinnen und Schüler eine neue, positive Richtung zu geben. Oder sie tüfteln als Ingenieur an den technischen Lösungen der Zukunft.