Wenn Kinder im Klassenzimmer ganz selbstverständlich zwischen Deutsch und Tschechisch wechseln, Begegnungstage mit Partnerschulen kein Extra, sondern gelebter Schulalltag sind – dann braucht es Menschen, die an dieser Schnittstelle arbeiten. Fremdsprachenassistenten übernehmen genau diese Rolle. Sie bringen nicht nur ihre Muttersprache mit, sondern auch ihre Kultur und ihre Erfahrungen. Fremdsprachenunterricht wird durch sie spannend, greifbar und lebendig.
Wie das ganz konkret aussieht, zeigt Jakub Rudolf. Er arbeitet derzeit in seinem zweiten Jahr an zwei Schulen im Dreiländereck zwischen Deutschland, Tschechien und Polen: den Evangelischen Zinzendorfschulen Herrnhut (EZSH) und an der Schkola Oberland in Ebersbach-Neugersdorf. Er unterstützt im Unterricht und in Projekten in Schulen in Grenznähe, ist aber kein vollgültiger Lehrer, der eine reguläre Lehrkraft ersetzt.
Jakub Rudolf macht seinen Schülerinnen und Schülern kein X für ein U vor, erklärt aber sehr wohl die diakritische Zeichen im Tschechischen: Häkchen, Striche und Kreise signalisieren, wie die Buchstaben ausgesprochen werden, die es im Deutschen nicht gibt. Foto: Jakub Rudolf
Dichter dran - Win-Win für beide Seiten
Fremdsprachenassistenten sind eine Bereicherung des Schulalltags in den grenznahen Regionen, weil sie andere, eigene Facetten von Kultur und Sprache in die Begegnungen und in den Fremdsprachenunterricht einbringen. Und weil sie selbst im Alter zwischen 20 und 29 Jahren und den Schülerinnen und Schülern damit näher sind als manch andere Lehrkraft – eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Sie selbst wiederum lernen den deutschen Alltag und die deutsche Kultur unmittelbar vor Ort kennen. Die Assistentinnen und Assistenten laufen aber keineswegs sprachlich unvorbereitet los: In aller Regel haben sie bereits mindestens zwei Jahre lang Germanistik oder Deutsch auf Lehramt in ihren Heimatländern studiert.
Startpunkt: Jugendprojekt Lanterna Futuri
Aufgewachsen ist Jakub Rudolf in der Kleinstadt Tovačov, die etwa 300 Kilometer von Zittau entfernt liegt. Mit dem deutsch-tschechischen Grenzraum kam er eher zufällig in Kontakt – durch das trinationale Begegnungs- und Bildungsprojekt Lanterna futuri (Leuchtturm der Zukunft). „Ich fand nicht nur das Projekt großartig, sondern dachte mir auch, dass die Region einfach schön zum Leben ist.“
Lanterna Futuri bringt junge Menschen aus Deutschland, Polen und Tschechien über kreative und interkulturelle Lernformen zusammen. Jugendliche arbeiten gemeinsam an Theater- oder Filmprojekten, schreiben Songs oder Artikel für Zeitschriften und gestalten Ausstellungen oder Workshops. Teamarbeit, Fremdsprachen und kulturelles Verständnis werden dabei ganz selbstverständlich mitgelernt.
„Da habe ich das erste Mal erkannt, wie viel einem eigentlich diese Mehrsprachigkeit bringt. Das war vermutlich der erste Impuls, um mich später auch beruflich in diese Richtung zu orientieren.“
Arbeit in Deutschland? Im Studium nicht absehbar
Seine guten Erfahrungen im Jugendprojekt führten ihn ins Lehramtsstudium in Liberec – dort hatte er seinen ersten Berührungspunkt mit der Fremdsprachenassistenz. „Ich bin nicht bilingual aufgewachsen. Ich habe während meiner Schulzeit Englisch gelernt, später auch Deutsch. Aber damals war auf jeden Fall nicht absehbar, dass ich später mal in Deutschland arbeite.“
„Während meines Masters habe ich eine E-Mail mit einer Anzeige dazu bekommen.“ Das Thema fand Jakub Rudolf schon damals spannend, entschied sich aber erst einmal, als Lehrer in Tschechien zu arbeiten.
Der Weg zum tschechischen Fremdsprachenassistenten
Erst später griff er die Idee wieder auf und bewarb sich für ein Stipendium des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus (SMK) auf eine Stelle als Fremdsprachenassistent in Sachsen. Wenig später bekam er die Zusage und begann seine Arbeit an der EZSH Herrnhut und an der Schkola Oberland in Ebersbach-Neugersdorf.
Das SMK-Stipendium ist auf zehn Monate von Mitte September bis Ende Mai des Folgejahres ausgelegt, ein Antrag auf Verlängerung ist möglich. Jakub Rudolf arbeitet nun bereits im zweiten Jahr mit jeweils sechs Wochenstunden an beiden Schulen. Er erhält eine monatliche Förderung von 1.000 Euro plus Basisversicherungen. „Ich nutze das Stipendium, um beispielsweise meine Wohnung und Fahrtkosten zu bezahlen.“
Sprachbarrieren gab es kaum, nicht zuletzt, weil er die deutsche Sprache natürlich schon gut beherrschte. „Also mit dem Kollegium gar nicht. In der Grundschule manchmal mit den ganz kleinen Kindern, weil sie halt manchmal ein bisschen anders sprechen als Erwachsene.“ Verständigen geht aber grundsätzlich immer – vor allem, weil alle sehr aufgeschlossen sind.
Tschechien vor Ort erleben: akub Rudolf auf einem Ausflug der Schkola Oberland im Museum Liberec. Foto: Jakub Rudolf
Arbeitsalltag an zwei bilingualen Schulen
Der Ablauf der Arbeitstage von Jakub Rudolf ist variabel, aber immer im Rahmen eines mit dem Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB) abgestimmten Stundenplans. „Also jeder Tag ist anders – es kommt immer ganz darauf an, was die Schülerinnen und Schüler brauchen.“ Genau darin liegt auch der Kern seiner Arbeit als Fremdsprachenassistent.
Vor allem unterstützt er die Lehrkräfte im tschechischen Unterricht und arbeitet mit Schülerinnen und Schülern in Kleingruppen. Es geht primär um Sprachpraxis, um gemeinsames Sprechen und Einander-Verstehen – aber auch darum, Hemmungen abzubauen und Sicherheit im Umgang mit der Fremdsprache zu gewinnen.
Eine besonders wichtige Rolle spielen die Begegnungstage, die von den Schulen regelmäßig organisiert werden. Dabei arbeiten die Schulen mit ihren Partnerschulen in Tschechien zusammen und ermöglichen gegenseitige Besuche. „Ich unterstütze dann beispielsweise die Gruppenarbeiten und übersetze mitunter seine Rolle als Vermittler deutlich – nicht alle Lehrkräfte im Kollegium beider deutschen Schulen sprechen beide Sprachen.
Zweisprachigkeit als Stärke
Die offene Arbeitsatmosphäre an den Schulen erlebt er als große Stärke. „Die Arbeitsatmosphäre und die Lernumgebung sind sehr unterstützend und das spiegelt sich bei den Kindern wider.“ Die Schülerinnen und Schüler seien spontaner, lernten effektiver und hätten einen sehr natürlichen Zugang zur Sprache. Besonders beeindruckend ist das Sprachniveau der älteren Jahrgänge: „Ich bewundere, wie gut die Kinder schon in der 9. Klasse sind.“
Die Zukunft? Auf jeden Fall mit Fremdsprachen!
Noch bis Ende Mai 2026 ist der 31-Jährige als Fremdsprachenassistent an beiden Schulen tätig. Da das Programm üblicherweise bis zum 30. Lebensjahr begrenzt ist, bekam er für sein zweites Schuljahr eine Ausnahmegenehmigung. Wie es danach weitergeht, ist offen. „Ob ich bleibe, steht noch nicht fest. Aber ich freue mich über meine Arbeit in Deutschland sehr – mal sehen, was die Zukunft bringt.“
Klar ist für ihn, dass er langfristig im Bereich Fremdsprachen und Bilingualität arbeiten möchte. „Das wäre wirklich schön für mich, wenn ich diese authentische und vielfältige Unterrichtserfahrung, die ich nun habe, weiter ausbauen könnte. “
Auf in die nächste Runde!
Falls jemand jemanden kennt in Polen oder in Tschechien, der für das Stipendium in Sachsen in Frage kommt: Fremdsprachenassistentinnen und -assistenten in spe können sich bis zum 31. Mai 2026 beim LaSuB per Mail bei Maria Ledwa unter der Mailadresse maria.ledwa@lasub.smk.sachsen.de bewerben; Start für die Neuen ist im September 2026.